Philosophie

„Das Auge macht das Bild, nicht die Kamera.“

Gisèle Freund

Auf meinen vielen Reisen um die Welt (nur Afrika fehlt bislang von den besuchten Kontinenten) habe ich häufig festgestellt, dass ich in den ersten Tagen nach meiner Ankunft in einem neuen Land kaum ein gutes Foto zustande gebracht habe … – zu neu und zu fremd waren oftmals die Eindrücke, so dass ich zunächst innerlich „ankommen“ musste. Dieser Erfahrung Rechnung tragend, kommt es heute mitunter vor, dass ich in den ersten Tagen einer Reise kaum die Kamera anfasse, sondern nur mit den Augen „fotografiere“, in mich aufsauge, was ich sehe, rieche, empfinde. Ich hätte das Gefühl, ich würde dem Land und den Menschen nicht gerecht werden, wenn ich sofort und unreflektiert auf den Auslöser drücken würde.

„Selfie“ aus der Zeit als Industriefotograf im Ruhrgebiet

Ein vergleichbares Verhalten findet man bei guten Porträtfotografen, die ebenfalls erst ein Gefühl für ihr Gegenüber entwickeln müssen, bevor sie zur Kamera greifen. Sie wollen zunächst das Wesen der Person erfassen, die sie aufnehmen wollen, um mehr als nur das Äußere abzubilden.

Zugegeben, ein Luxus, den sich ein Werbefotograf bei steigendem Termindruck meist nur selten erlauben kann.
Wer mit offenen Augen und (positiver) Neugier die Welt betrachtet, wird feststellen, dass die Wirklichkeit so spannend und aufregend ist, dass diese nicht zusätzlich verändert werden muss. Aus diesem Grund liegen mir gewisse Modetrends in der Fotografie nicht sehr, die es zwar schon immer gab, aber – seitdem die fotografische Nachbearbeitung am Computer zur Regel geworden ist – virulent um sich greifen. Ein gutes Foto, das einen besonderen Augenblick erfasst, eine außergewöhnliche Stimmung widergibt oder den Bruchteil einer Sekunde dem Vergessen zu entreißen vermag, benötigt solche Veränderungen nicht. „Gestellte Fotos“, wie sie bei Lokalterminen der regionalen Presse zum Standard geworden sind, liegen mir aus erwähntem Grund ebenfalls nicht sehr, weil sie nur eine fiktive Realität abbilden. Mein Blitzgerät ist, nebenbei bemerkt, in den vergangenen zwei Jahren nur ein einziges Mal zum Einsatz gekommen.

Weil mir ein Sujet nicht liegt, heißt das jedoch nicht, dass ich es nicht kann. Ich setze Veränderungen allerdings nur sehr sparsam ein. Meist dann, wenn ich schon bei der Aufnahme eine bestimmte Stimmung wahrgenommen habe: Wenn zum Beispiel ein verfallenes Gemäuer von einer gespenstisch-irrealen Aura umgeben zu sein scheint, dann verstärke ich diesen Eindruck im fertigen Bild. Natürlich werden auch meine Fotos sämtlich am Rechner nachbearbeitet, denn ich fotografiere grundsätzlich nur im RAW-Format (digitales Negativ), was eine spätere „Entwicklung“ erforderlich macht. Dabei werden dann auch Tonwerte, Verzeichnungen und „stürzende Linien“ korrigiert. Denn so fortgeschritten die Kameratechnik inzwischen auch ist, so sehr ist sie dem Gesetz der Physik unterworfen. Unser Auge hingegen, oder besser: unser Hirn, nimmt nicht (wie Film oder Sensor) wahr, dass sich Hochhäuser nach oben verjüngen und kann auch in dunklen Schatten noch Zeichnung und Details erkennen.

Um nicht missverstanden zu werden, auch meine Fotos bilden keineswegs die Wirklichkeit ab. Ich erinnere mich daran, einmal eine Mohnblume im Morgentau fotografiert zu haben, die von vielen Betrachtern als Symbol für Frische und unberührte Natur angesehen wurde. Aufgenommen hatte ich das Bild am Außengelände des Kernkraftwerks Ohu in Bayern! Dieses Beispiel zeigt, wie unterschiedlich – schon durch die Wahl eines Bildausschnittes – wir unsere Umgebung wahrnehmen. Und da der Begriff „Wirklichkeit“ ohnehin ein Thema für Philosophen ist, würde ich meine Bilder eher mit „subjektiver Wahrnehmung“ beschreiben.

Bis auf wenige Ausnahmen lehne ich überdies einen Beschnitt meiner Fotos ab – und ich sehe es als mangelnden Respekt einer Arbeit an, wenn manche Grafiker sich berufen fühlen, Fotos nach ihrem Gusto einfach zu verstümmeln, damit sie in ihr jeweiliges Gestaltungsraster passen. Eine Herausforderung beim Fotografieren ist nämlich, das vorhandene (Film- oder Sensor-) Format so auszunutzen, dass das Foto schlüssig komponiert ist. Ein Kameramann kann beim Filmen auch nicht das Format beliebig wechseln und ein bildender Künstler würde wohl entsetzt reagieren, wenn eine Galerie seine Gemälde so beschneidet, dass sie in vorhandene Bilderrahmen passen. – Glücklicherweise bin ich in der privilegierten Situation meine Bücher selbst gestalten zu können, so dass ich nicht der Gedankenfaulheit mancher Grafiker unterworfen bin. Neben (Bild- und Text-) Reportagen liegt mein privates Engagement besonders in der Reise-, Landschafts- und Naturfotografie und wie den meisten Naturfotografen geht es mir dabei auch um die Erhaltung der Umwelt. Die Schönheit, und auch die Verletzlichkeit, der Natur in Bildern einzufangen ist ein Plädoyer für den Umweltschutz, weil die Fotos zeigen, wie erhaltenswert unser Planet ist.